Die Ernährungswende beginnt in der Stadt – Interview Dr. Philipp Stierand

Schritte zu einer nachhaltigen Lebensmittelversorgung in der Stadt

Der Lebensmittelmarkt wird von den großen Handelsketten dominiert, die die Preise für die Erzeugung der Produkte immer weiter drücken. Die Milch gibt es im Discounter für 45 Cent pro Liter, Möhren für 60 Cent pro Kilogramm. So sieht unsere Lebensmittelversorgung heute meist aus.

Doch es gibt auch noch eine andere Seite. Es gibt Menschen wie Dr. Philipp Stierand, die sich für eine andere, dezentralere und kleinstrukurierte Landwirtschaft einsetzen, die jedem zu Gute kommt: unserer Umwelt, den Produzenten, Händlern, Verbrauchern und allen weiteren, die damit zu tun haben.

Gerne erzählt Philipp Stierand von der Markthalle Neun in Berlin. Die Markthalle Neun mit ihrem industriellen Charme ist ein Schmelztopf vieler verschiedener regionaler und handwerklicher Produzenten sowie Händlern, die handwerkliche Feinkost aus anderen Ländern anbieten.

Sie treffen sich hier, mitten in der Stadt, mit den Verbrauchern, die alles an einem Ort finden. Wie ein Mini-Supermarkt, in dem sich alltägliches und besonderes finden lässt. So gibt es eine “Kantine NEUN” sowie den “Street Food Thursday”. Die vielfältigen Stände bieten Backwaren, Feinkost, Eis, Blumen, Getränke, Kaffee, Süßwaren, Fleisch und Wurstwaren, Marmeladen, Milchprodukte, Eier und vieles mehr. Für den Einkaufskorb oder als “Slow Food” zum vor Ort genießen.

Gemüsestand in der Markthalle Neun in Berlin, die urbane, direkte Lebensmittelversorgung
In der Markthalle Neun trifft nicht nur die Vielfalt handwerklicher Lebensmittel auf die Verbraucher. Erzeuger und Verbraucher treffen sich hier direkt und kommen so in einen persönlichen Kontakt. So lassen sich krummes Gemüse, kleine Eier im Winter und handgemachte Wurst besser verkaufen. Copyright Bild Wochenmarkt @ Markthalle Neun

Doch die Lebensmittel dort sind mehr als nur regional und heben sich auch durch Spezialitäten ab, die es in den wenigsten Supermärkten zu finden gibt; von der japanischen Bäckerei, dem Craft Bier mit exotischen Zutaten, welches direkt im Keller unter der Markthalle Neun gebraut wird, wie im übrigen auch der Tofu von den Tofu Tussis, über ökologische Schnittblumen, zu der gläsernen Wurstwerkstatt von Kumpel & Keule. Einkaufen wird hier zu einem Erlebnis. Aber nicht durch das Vorgaukeln von Apfelsaft aus Streuobstwiesen, wie wir ihn aus der Werbung kennen (der aber eigentlich aus riesigen Plantagen in Österreich kommt), sondern durch einen echten, direkten Kontakt mit den Menschen, die den Salat gepflanzt haben, den wir dort kaufen.

Philipp Stierand studierte zunächst Raumplanung, landete dann aber über Umwege in der Naturkostbranche. Mit seiner heutigen Arbeit versucht er beides miteinander zu verbinden. Die Frage, die für ihn über allem schwebt ist, wie eine nachhaltige Lebensmittelversorgung in Zukunft aussehen kann. Für ihn beginnt die Ernährungswende in der Stadt. Die Bewegungen der urbanen Landwirtschaft wie in der Markthalle Neun seien nur ein Anfang, ein Vorbote für eine tiefere Beschäftigung der Gesellschaft mit der Lebensmittelversorgung.

Es gibt für Philipp Stierand weitere Beispiele, die es auch schaffen, neue Technologien der Kommunikation mit der “Back to the roots”-Mentalität vieler Menschen zu verbinden. Die Strukturen und die Kommunikation von Food Assembly, Solidarischer Landwirtschaft oder Projekten wie “Incredible Edible Todmorden” finden über das Internet und soziale Medien statt und dienen als Inspiration für Menschen weltweit, ähnliches an ihrem Wohnort zu gründen.

SoLawi Ravensburg, Acker und Gewächshäuser, ein Schritt zur kommunalen Lebensmittelversorgung
Die Solidarische Landwirtschaft e.V. wird durch die Beiträge der Mitglieder finanziert – das produzierte Gemüse wird im Gegenzug von den Mitgliedern bezogen. Kein Abfall, finanzielle Sicherheit und das Wissen, wo die Lebensmittel herkommen!

Ganz besonders setzt sich Philipp Stierand für Ernährungsräte ein. Ernährungsräte sind eine Plattform, welche die verschiedenen Akteure der lokalen Lebensmittelversorgung an einen Tisch bringt, von der Landwirtschaft, über die Händler, die Verbraucher bis zu den Entsorgern. Doch was heißt eigentlich „Entsorger“ in einer Zeit, in der eine Vielfalt von Akteuren sich allein um das Feld der “übrigen” Lebensmittel kümmert, von der Tafel zu Foodsharing, bis zu Sozialunternehmen, die “krummes Gemüse” einmachen oder an Großverbraucher verkaufen?

Die Mitglieder der Ernährungsräte finden sich nicht nur im Bereich derer, die täglich mit Lebensmitteln zu tun haben. Natürlich sind auch die Kommunen und Städte eingebunden. Hier wird dann über Ansätze für eine Lebensmittelversorgung diskutiert, ausgehandelt und es werden Vorschläge für die Politik entwickelt sowie konkrete Programme, welche umgesetzt werden können.

Ein kleines Beispiel am Ernährungsrat “Taste of Heimat e.V.” aus Köln:

Der Ernährungsrat für Köln und Umgebung ist eine Nicht-Regierungsorganisation mit Unterstützung der Stadt Köln. Der eigentliche Ernährungsrat besteht aus 30 Mitgliedern, die einen Sprecher wählen. Ein Lenkungskreis soll die organisatorischen Arbeiten übernehmen.

In vier für alle Interessierten geöffneten Ausschüssen soll die inhaltliche Arbeit erfolgen. Die Themen sind „Veranstaltungen zur regionalen und nachhaltigen Ernährung“, „Regionale Direktvermarktung“, „Ernährungsbildung und Schulverpflegung“ und „Zukunft der Lebensmittelproduktion in der Stadt“. (Quelle: http://ernaehrungsraete.de/ernaehrungsrat-koeln-und-umgebung/)

Aktuelle Ergebnisse dieser Arbeit zeigen sich auf der Webseite: ein kleines Magazin mit Beiträgen, eine Anbietersuche, ein “Taste-O-Mat”-Test um herauszufinden, wo die eigenen (Lebensmittel-)Bedürfnisse am besten gedeckt werden sowie die (Mit-)Organisation von Veranstaltungen.

Mit Philipp Stierand haben wir darüber gesprochen, wie aus seiner Sicht als Raumplaner eine ideale Lebensmittelversorgung in der Stadt aussieht, welche Möglichkeiten kleinere Betriebe – ob Landwirt oder Hersteller von Lebensmitteln – gegenüber den großen Strukturen haben, über die Bedürfnisse der “Neuen Food Bewegung” und vieles mehr… Jetzt im Yes! We Can Farm Podcast Nummer 002! (Nummer 001 verpasst? Hier geht’s zum Interview mit Evergreen Food über Europas einzige Bio-Chlorella-Algenfarm!)

Blogger und Autor im Porträt

Sofern dich nur einzelne Fragen interessieren, findest du hier eine Übersicht:

0:00 Vorstellung von Autor und Blogger Dr. Philipp Stierand und der Webseite “Speiseraeume”

01:04 Was bedeutet für Sie, dass die Ernährungswende in der Stadt beginnt?

01:57 Die Stadt als Experimentierraum mit vielen Ansatzpunkten

02:57 Beispiele von Ansatzpunkten

03:57 Konkrete Beispiele von Ernährungsräten

04:33 Was sind Ernhährungsräte?

06:56 Was sind die Ergebnisse der Arbeit von Ernährungsräten?

09:40 Gibt es bestimmte Akteure oder Gruppierungen, die sich besonders stark engagieren?

12:00 Die Neue Food Bewegung – welche Impulse kann sie der Landwirtschaft geben?

14:47 Beispiele der Verbindung zwischen ruralen Landwirten und einer urbanen “Neuen Food Bewegung”

17:04 Geht ein Trend in Richtung handwerkliche Herstellung, Regionalität und Heimatgefühl?

18:30 Wann macht regional Sinn?

20:37 Wie sieht die ideale Stadt aus Sicht des Raumplaners Philipp Stierand aus?

22:35 Wir brauchen eine vielfältigere Lebensmittelversorgung

24:07 Ein gänzlich anderes Bild als heute

25:00 Ist Vielfalt im Anbau eine Chance der kleineren Produzenten gegenüber den großen Produzenten?

26:00 Wo sind die größten Herausforderungen im Blick auf Ihre Idealvorstellung?

Wer nach unserem Podcast noch mehr von Dr. Philipp Stierand und seinen Ideen erfahren möchte, dem empfehlen wir sein Buch “Speiseräume: die Ernährungswende beginnt in der Stadt“*.

Die Ernährungswende beginnt in der Stadt Buchcover

Das Buch beleuchtet die Hintergründe städtischer Lebensmittelversorgung und zeigt anhand der internationalen Diskussion und vieler Berichte aus Praxisprojekten, wie Bürger und Kommunen die Aufgabe einer nachhaltigen urbanen Lebensmittelversorgung in Angriff nehmen können.

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