Naturlandhof Heinzler – Artgerecht ist nur Freiland

Josef und Sheila Heinzler haben aus der Not eine Tugend gemacht. Ihre Freiland-Puten finden Schutz unter Holundersträuchern, aus deren Blüten und Früchten Sirup und Saft hergestellt wird. Die Produkte werden unter eigener Marke in ganz Baden-Württemberg vertrieben. Jährlich finden mehrere tausend Flaschen einen Käufer, Produkte kommen aus der Region für die Region und die Heinzlers sind wirtschaftlich besser aufgestellt.

Über die Pute:
Bevor Puten als Nutztiere domestiziert wurden, lebten sie in den Wäldern und Steppen Nordamerikas und Mexikos. Dort wurden sie bereits von indianischen Völkern des Südwestens Nordamerikas in den Jahren 500 bis 700 erfolgreich domestiziert und als “Haustruthühner” gehalten. Spanische Seefahrer brachten die Tiere zwischen 1520 und1540 aus Mexiko nach Europa.

Es ist eine kurvige Strecke, zwischen Maisfeldern und kleinen Wäldern durch das Linzgau, einer Region nördlich des Bodensees. Ich bin auf dem Weg zu Josef und Sheila Heinzler. Schwer zu glauben wenn man es sieht, aber in dem idyllischen Großstadelhofen, einem kleinen Dorf in der Nähe von Pfullendorf, befindet sich einer der größten Öko-Geflügelbetriebe Baden-Württembergs.

Im Linzgau beim Naturlandhof Heinzler
Mais, Mais, Mais und zwischendrin Freilandputen und Holunder

Allein die Freiland-Haltung von Puten ist schon eine Besonderheit. Aber neben dem Alltag in einem so großen Betrieb, haben die beiden sich auch noch ein zweites Standbein aufgebaut: ihre “Holunderlinie”.

Aber zunächst mal interessiert mich ihre Puten-Haltung:

Nur ein kleiner Teil der Puten in Deutschland (der Naturlandverband spricht von knapp 1%) ökologisch gehalten.

Die Schäden und Leiden, die Puten durch die alles andere als artgerechte, konventionelle Haltung in Ställen erfahren, sind laut einem Bericht des Landesamtes für Umwelt, Natur und Verbraucherschutz Ende 2011 enorm. Der überwiegende Teil davon entstehe durch Überzüchtung (»Qualzucht«) und mangelhafte Haltungsbedingungen (z. B. eingeschränkte Bewegungsfreiheit):

  • Erkrankungen des Skelettsystems (inkl. Beinschwäche)
  • Sohlenballengeschwüre oder Verätzungen an den Ballen
  • Brustverletzungen (Geschwüre und Entzündungen)
  • Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems
  • Atemwegserkrankungen
  • Verletzungen durch Artgenossen (2*)

91,6 % der Tiere aus den untersuchten Beständen erhielten Antibiotika (1*).

Im Gegensatz zur konventionellen Haltung ist bei allen ökologischen Betrieben ein Auslauf im Freien vorgeschrieben. Die Besatzdichte ist auf 21 kg Lebendgewicht pro m² Stallgrundfläche begrenzt, was etwa 2 Hennen entspricht.

Auch dürfen Schnäbel nicht gekürzt werden und die Tiere haben, trotz gleicher Rassen wie bei der konventionellen Zucht, mehr Zeit um zu wachsen. Das wirkt sich direkt auf die Gesundheit und Fleischqualiät aus. Die Haltung in Ställen ist jedoch leichter zu kontrollieren und die hochgezüchteten Rassen eignen sich nach der Meinung der meisten Landwirte wenig für das Leben “draußen”.

Yes We Can Farm Porträt des Naturlandhof Heinzler
Je älter die Tiere werden, desto weiter wagen sie sich in das Gelände hinaus. Platz ist genug.

Viele Kollegen zweifelten deshalb am dem Vorhaben der Heinzlers, Freiland-Puten zu halten und äußerten Bedenken, ob sich die hochgezüchteten Rassen im Freiland überhaupt halten ließen, da die Tiere zum einen hier nicht einheimisch sind, zum anderen die höhere Keimbelastung im Freiland für solch hochgezüchtete Tiere zum Problem werden könnte.

Josef Heinzler blickt auf viele Jahre Erfahrung im elterlichen Betrieb zurück, wo seit über 30 Jahren konventionelle Putenhaltung betrieben wird. 2002 übernahm er den Hof seines Großvaters und startete dort zunächst mit eigener, konventioneller Putenzucht. Nach zehn Jahren machte er sich auf die Suche nach Alternativen: Zum einen wollte er eine art- und wesensgerechtere Haltung und zum anderen waren die finanziellen Aussichten in der konventionellen Haltung schlecht, mehr und mehr speiste sich der Betrieb aus der Substanz. Die Heinzlers entschieden sich, trotz der Zweifel vieler Kollegen, für die Freilandhaltung und für den Anbauverband Naturland. Ein großer und mutiger Schritt.

Auf die ökologische Landwirtschaft haben wir umgestellt, weil die konventionelle Putenhaltung für uns über die Jahre nicht wirtschaftlich war und wir den Tieren ein gesünderes Umfeld mit mehr Platz und Auslauf bieten wollten.“
– Sheila Heinzler

Auch in der Freilandhaltung gibt es kranke Tiere. Das ist bei keiner Form der Tierhaltung auszuschließen. Doch das Ziel ist, gesunde Tiere mit schmackhaftem Fleisch zu liefern, für die der Kunde gerne einen angemessenen Preis bezahlt. Das wird nicht nur durch den Auslauf im Freien, sondern durch die gesamte Gestaltung des Umfeldes erreicht, welches sich mehr an die Tiere anpasst.

Das gelingt bei den Heinzlers in Großstadelhofen, wie ich mich überzeugen kann. Als Jungtiere nutzen die Puten das Außengehege nur wenig, doch in den Wochen ihres aufwachsens erforschen sie das ganze Gelände und finden Schutz unter den kleinen Reihen aus Holundersträuchern.

Bei meiner Ankunft zeigt sich, dass Puten sehr neugierige Tiere sind. Eben noch langsam umhergelaufen oder ein Sandbad genommen, kommen sie schnell herangelaufen um zu begutachten, wer zu Besuch kommt. Dabei beäugen sie mich genau und winden ihren Kopf von rechts nach links. Mit den kleinen Spurts zeigen die Tiere, dass sie in der Lage sind, sich gut zu bewegen, ganz im Gegensatz zu vielen Tieren aus konventioneller Haltung, die kaum den Platz dazu haben, sich überhaupt zu bewegen. In den Ställen von Naturlandbetrieben sind Sitzstangen oder Strohballen vorgeschrieben, da Puten sich in der Natur auf erhöhten Plätzen zum Schlafen nieder lassen.

Das Gefühl und die langjährige Erfahrung haben den Heinzlers den richtigen Riecher gegeben. Die Tiere kommen auch im Freiland gut zurecht und sind robust. Trotz der aufwendigeren Haltung, etwa dadurch, dass die Tiere abends in den Stall getrieben werden müssen, stehen die Heinzlers heute finanziell bedeutend besser da als vorher.

Das liegt auch daran, dass sie mit der regionalen Supermarktkette “Feneberg”, ansässig in Kempten im Allgäu, einen fairen Vertragspartner gefunden haben, der ihre gesamte Geflügelproduktion vermarktet. Durch Feneberg wird das Putenfleisch der Heinzlers unter der Marke “VonHier” in über 80 Filialen vertrieben. “VonHier” sind Bio-Produkte aus einem Umkreis von 100 Kilometern um den Feneberg-Firmensitz in Kempten, nach den Richtlinien von Bioland, Naturland oder Demeter. Mit den Produzenten steht Feneberg in einem festen Vertragsverhältnis. Dies garantiert den Erzeugern faire Preise, ein planbares Wirtschaften und Feneberg die Einhaltung der strengen Qualitätskriterien.

Mit Feneberg und dem Programm “Bio mit Gesicht” haben wir einen Partner gefunden, der gut zu unserer Philosophie passt.”
– Sheila Heinzler

Dass die Aufzucht von Puten im Freiland auch noch weitere Einkommensfelder erschließen kann, zeigte sich erst später.

In der biologischen Putenhaltung ist es Voraussetzung, dass der Auslauf für die Tiere strukturiert wird. Das kann man durch Weidehütten, die wenig weiteren Nutzen haben, oder durch Streuobst machen, welches sehr Lange braucht, bis es einen Ertrag bringt. Wir haben uns für den Holunder entschieden, weil es eine tolle, gesunde Pflanze ist, die schnell wächst und wir durch interessante Produkte die aufwendige Freilandhaltung unterstützen können. Durch den Kauf unserer Holunderprodukte wird somit eine artgerechte Haltung unterstützt und mitfinanziert.”
– Sheila Heinzler

Seit 2013 werden die Holunderblüten im Juni vor Ort mit Zitronensaft und Zucker zu “Heinzler’s Holly” Holunderblütensirup verarbeitet. Die reifen Beeren werden Anfang September zu reinem “Heinzler’s Holder” Holundermuttersaft gepresst, abgefüllt und in Supermärkten und im Bio-Fachhandel in Baden-Württemberg vertrieben. Weitere Produkte wie Holunderbeerenlikör und Holundergeist sind für die nahe Zukunft geplant.

Bio Holundersträucher
Schatten, Unterschlupf und einen Ertrag bieten diese Holundersträucher

Bis die Produkte in den Läden standen, gab es einige Hürden zu überwinden. Neben der Markenfindung und der Gestaltung der Flaschen gab es viele Vorschriften zu beachten. Wie beantragt man einen EAN-Code? Was muss gesetzlich auf der Flasche stehen? Wie groß darf und muss das Naturlandlogo sein, wie groß das des EU-BIO-Siegels?

Diese Hürden und viele weitere haben Josef und Sheila Heinzler in den letzten Jahren gemeistert. Nicht nur, dass sie vom Wiesenhof-Lieferanten zu einer artgerechten Freiland-Putenhaltungen umgebaut haben, mit Feneberg haben sie auch einen Partner auf Augenhöhe gefunden, welcher sich auch durch persönliche Besuche vor Ort von der biologischen Haltung überzeugt. Die Heinzlers sind zufrieden mit ihrem Betrieb und haben aktuell keine Pläne, die Putenhaltung zu vergrößern. Nach zwei Jahren steht die “Holunderlinie” noch am Anfang, die Produkte werden aber schon in Supermärkten und im Naturkosthandel in ganz Baden-Württemberg verkauft. Holundersträucher haben die Heinzlers viele, daher planen sie fleissig weitere Produkte wie Holunderblütengeist und Holunderblütenlikör, um ihre Getränkelinie auszubauen.

Not macht erfinderisch, das wird hier gezeigt!

Bio Holunderprodukte vom Naturlandhof Heinzler im Linzgau
In Bio-Supermärkten und im lokalen Handel sind die Produkte „Heinzler’s Holly“ und „Heinzler’s Holder“ zu finden (Bild Copyright @ Naturlandhof Heinzler)
Landleben im Linzgau
Impressionen vom Naturlandhof Heinzler im Linzgau

Du möchtest mehr über ähnliche Projekte erfahren?

Dann trage dich in unseren Newsletter ein und verpasse keinen Beitrag mehr!

Vielen Dank an Nadine Wahl für das Lektorat!

Wenn Du etwas Wichtiges zu sagen hast, dann hat es verdient, auch gut gesagt beziehungsweise geschrieben zu sein. Dabei geht es gar nicht in erster Linie um Rechtschreibregeln, Kommasetzung, Grammatik und Fehlerfreiheit.

Worauf es vor allem ankommt ist:

  • Ist die Botschaft verständlich?
  • Ist sie klar und eindeutig formuliert?
  • Liest sich der Text flüssig bzw. ist es angenehm dem Vorgetragenen zuzuhören?

Mir liegt viel daran, dass wichtige Botschaften die Worte und die Form bekommen, die sie brauchen, um gehört zu werden. Das und die große Liebe zur Sprache und zur Kunst Worte schön und aussagekräftig aneinander zu reihen, haben mich zu meiner Begeisterung fürs Lektorieren gebracht.

Mehr über Nadine Wahl und ihre Angebote als Freie Autorin, Lektorin, Naturpädagogin, angehende Selbstversorgerin & Heilpraktikerin gibt es auf ihren Webseiten „Nadine Carolin“ und „Wapplications“ zu finden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.